Mittwoch, 8. Februar 2012

Kindergartenbrand in Varel - Pfarrer Manfred Janßen im Interview

Moin tosamm,

Poker-Sachpreisturniere spiele ich in Varel, weil ich die Atmosphäre auf den Terminen von Friesland Poker nicht mehr missen möchte. Dort steht nicht das Gegeneinander am Pokertisch im Vordergrund, sondern der gemeinsame Spaß am Spiel und die Gemeinschaft. Umso näher ging mir vor rund zwei Wochen die Nachricht, dass der katholische Kindergarten durch einen Brandstifter Opfer der Flammen wurde.

Trostloser Anblick: die Ruinen
des Kindergartens.
Foto: Nico Lindner
Am Dienstag dieser Woche war ich in Varel, um selbst mit Pfarrer Manfred Janßen zu sprechen, der der St.-Bonifatius-Gemeinde vorsteht. Die Kinder haben nach der Behelfsunterkunft in der "Alten Kirche" am Synagogenweg nun eine neue Heimstätte in den Räumen der bisherigen Volkshochschule am Seilerweg gefunden.

Bevor es zur Schlüsselübergabe durch Bürgermeister Gerd-Christian Wagner und Silke Vogelbusch, 1. Kreisrätin, an den Kindergarten kam, blieb Zeit für ein persönliches Gespräch. Teil des Inhalts: Was Pfarrer Manfred Janßen in Zusammenhang mit dem mittlerweile gefassten Täter besonders Kopfschmerzen bereitet.

Ich hoffe, dieser Blog-Eintrag der etwas anderen Art findet ebenfalls Euer Interesse. Am Ende des Interviews findet sich eine Reihe von Anlaufstationen, die Euch ermöglichen, auch fortan auf dem Laufenden zu bleiben, was den Wiederaufbau des Kindergartens betrifft. Dort ist auch noch einmal das Konto genannt, das für Geldspenden zur Verfügung steht. Einer meiner Wünsche: Mein Blog-Beitrag möge dazu beitragen, den einen oder anderen Menschen zu einer Spende zu bewegen.

Beste Gröten,
Nico Lindner



Nico Lindner: 
Herr Janßen, meine erste Frage gilt den Kindern selbst. Wie geht es ihnen derzeit?

Pfarrer Manfred Janßen:
Vor Kurzem habe ich sie in der "Alten Kirche", unserem Pfarrheim, besucht, in der sie kurz nach dem Brand untergebracht waren. Sie sind glücklich. Mein Lob gilt an dieser Stelle vor allem den Erzieherinnen in unserem Kindergarten. Sie haben das Geschehene gut aufgefangen. Mit dem, was passiert ist, sind sie gut umgegangen. Bis zu unserem Umzug haben sie die Zeit sehr gut überbrückt.
Viel Verständnis kommt auch von den Eltern, die am Wochenende nun mit uns auch gemeinsam den Umzug in den Seilerweg gestemmt haben. Selbst der Bürgermeister war da, um für eine halbe Stunde zu helfen. Dort finden wir eine gute Übergangsmöglichkeit.


Großes Medienaufgebot bei der offiziellen Schlüsselübergabe. Hinten
links zu sehen: Mein Gesprächspartner, Pfarrer Manfred Janßen.

Foto: Nico Lindner
Oft ist die Frage zu lesen, wie den Kindern am besten geholfen werden kann. Fehlendes Spielzeug ist nicht das Problem, richtig?

Ja, das stimmt. Spielzeug wird nicht benötigt. Es wäre zu schade, wenn es zu viel werden sollte und wir möglicherweise noch etwas entsorgen müssten. In der Tat sind es Geldspenden, die am hilfreichsten sind. Es gab bereits zahlreiche Aktionen. Die Handballerinnen des VfL Oldenburg etwa wollen demnächst eine Verlosung zu unseren Gunsten machen, der Lions Club Varel hat beispielsweise 3.000 Euro für Musikinstrumente zur Verfügung gestellt. Auch unsere evangelischen Brüder aus Varel haben gesammelt. Die ökumenische Solidarität ist groß. Das freut mich sehr.
Wer wissen möchte, was an Möbeln oder Ähnlichem noch gebraucht werden könnte, kann sich im besten Falle direkt bei der Kindergartenleiterin Gabriele Schmidt melden. Sie ist unter der Telefonnummer 04451.5300 erreichbar und hat den besten Überblick.


Bot bis Montag die Notunterkunft: die Kirche
am Synagogenweg.
Foto: Nico Lindner
Seit Montag ist bekannt: Der Täter ist ein 23-Jähriger aus Varel. Er hat die Taten gestanden. Wie haben Sie auf diese Nachricht reagiert?

Ich dachte mir nur: "Gott sei Dank, er ist gefasst. Er kann keinen Schaden mehr anrichten."


Empfinden Sie so etwas wie Mitleid mit ihm?

Nein, eigentlich nicht. Ich frage mich aber wohl: Was ist in seiner Kindheit falsch gelaufen? Verbrecher werden nicht als solche geboren. Das hat mir wieder ins Bewusstsein gerufen, dass wir uns immer fragen müssen: Was tun wir eigentlich? Wir sind Vorbilder für unsere Kinder. Das fängt beim Überqueren der Straße an einer Ampel an. Wir prägen unsere Kinder. Und wir sollten ihnen gute Werte  vermitteln.


Wenn Sie Ihre Wohnung nahe der Kirche verlassen, blicken Sie direkt auf die Ruinen des Kindergartens. Ist das nicht schmerzhaft?

Ja. Es macht mich traurig. Den Kindern ist ein Stück Heimat genommen worden. Kinder sind sehr sensibel. Am ersten Tag nach dem Brand kam eines von ihnen zu mir und flüsterte mir zu: "Ich muss dir was erzählen, Herr Pfarrer: Unser Kindergarten ist abgebrannt!"


Meinem Sohn hatte ich vom Brand im Kindergarten in Varel auch berichtet und erklärt, dass der Täter von der Polizei geschnappt wurde. Ihn hat das ebenfalls bereits sehr beschäftigt. 

Ich finde es gut, dass Sie ihm das in kindgerechter Weise nähergebracht haben. Es ist richtig, mit den Kindern über das Geschehene darüber zu sprechen. Sie brauchen ebenfalls angemessene Antworten.


Wie präsent ist Ihnen selbst denn noch der Moment, in der Sie die schreckliche Nachricht erreichte?

Den Kindern ist der Brand gut in Erinnerung. Dieses
Bild hängt in den Räumen am Seilerweg.

Foto: Nico Lindner
Sehr. Spät in der Nacht klopfte und klingelte es bei mir. Das kommt ab und an schon einmal vor. Diesmal war es aber sehr viel energischer. Noch im Schlafanzug eilte ich zur Tür. Dort stand ein Polizist, der mir aufgeregt sagte: "Herr Pfarrer, Ihr Kindergarten brennt!" Daraufhin bin ich zum Fenster geeilt und habe nach draußen gesehen - ich war erst einmal sprachlos. Die ganze Bürgermeister-Heidenreich-Straße stand mit Polizeiwagen und Feuerwehrautos voll. Der Kindergarten brannte lichterloh.
Dann wusste ich aber auch: Jetzt muss gehandelt werden. Im nächsten Schritt habe ich versucht, die Kindergartenleiterin anzurufen. Wo sollten die Kinder untergebracht werden? Zusammen mit dem Bürgermeister haben wir dann nach Lösungen gesucht.


Was liegt Ihnen jetzt auf dem Herzen?

Der Kindergarten auf Zeit am
Seilerweg - ehemals war hier
die VHS beheimatet.

Foto: Nico Lindner
Wir wünschen uns einen neuen Kindergarten. Ich bin mir sicher: Das wird etwas Gutes. Nur in der Nähe unserer Kirche sollte er schon sein. Das hat vielleicht mit dem Verständnis der katholischen Kirche an sich zu tun. Die Räume in der ehemaligen Volkshochschule sind aber - wie bereits gesagt - eine gute Übergangsmöglichkeit. Es war auch meine Volksschule. Am 15. März 1968 habe ich dort mein Zeugnis bekommen. Gestern hatte ich es nach langer Zeit wieder in den Händen. Zu meiner Zeit stand dort bereits eine große Kastanie. Dieser Baum ist auch heute noch da.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Janßen.



Spendenkonto


Bank: DKM Darlehnskasse Münster
Bankleitzahl: 400 602 65
Kontonummer.: 288 71 04
Verwendungszweck: Katholischer Kindergarten Varel



Telefon-Hotline

1. Ansprechpartnerin für noch benötigte Möbel und Ähnliches (kein Spielzeug) ist Kindergarten-Leiterin Gabriele Schmidt, erreichbar unter 04451.5300. 


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